In der Stille ...

  • „Zazen“ heißt Sitzen in der Stille. Es ist eine Übung nach japanischer Tradition, die darin besteht, in gesammelter Weise einfach ganz da zu sein.

  • In der Stille kannst Du Dich selbst erkennen. Das menschliche Bewußtsein wird gern mit einem  See verglichen, dessen Oberfläche durch Wellen (Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle) aufgepeitscht ist. Kommt die Oberfläche zur Ruhe, wird das Bewußtsein klar, und man kann bis auf den tiefsten Grund blicken. Dann erkennen wir die unvergleichlich, lichtvolle, klare, weite und unbegrenzte Natur des Bewußtseins, die wir selbst sind.

  • In Religion, Weisheitssuche und Dichtung wird seit jeher die außerordentliche Bedeutung der Einkehr in die Stille betont. Hier ein paar Beispiele:

    Für den christlichen Mystiker Meister Eckehart war die „innere Ruhe“ das erste und wichtigste:
    „Nur in lauterer Ruhe kann der Mensch Gott schauen.“ „Alle Stimmen und Laute, die müssen fort und es muß eine lautere Stille da sein, ein Stillschweigen.“

    Im wichtigsten Yogatext, den „Yoga-Sutras des Patanjali“ lautet die zentrale Aussage:
    „Yoga ist das Zur-Ruhe-kommen-lassen der Bewußtseinsbewegungen. Dann ruht der Sehende in seiner Wesensidentität.“

    Hermann Hesse schreibt in „Siddharta“:
    „In dir ist eine Stille und ein Heiligtum, in die du stets zurückkehren und du selbst sein kannst.“

    Der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh nennt auch ganz praktische Gründe für das Sitzen in der Stille:
    „Warum sollen wir meditieren? Zuerst einmal, weil wir alle die Erfahrung völliger Ruhe und Erholung brauchen. Selbst eine Nacht Schlaf schenkt uns keine völlige Ruhe. Wir drehen und wenden uns, unsere Gesichtsmuskeln sind angespannt und ständig träumen wir - das kann man kaum Ruhe nennen.“

  • Wer sich willentlich bemüht still zu sein, stellt fest, daß die Gedanken nur noch wilder durch den Kopf jagen; vergleichbar einer Horde kreischender, wild tobender  Affen in einem Baum. Daher empfiehlt es sich, die Gedanken einfach vorbeiziehen zu lassen und  die ganze Aufmerksamkeit auf ein Sammlungsobjekt (Atem, Haltung, Wort etc.) bündeln. So kann sich das Gemüt entspannen, so wie die Affen beim Anblick der warmen Abendsonne ruhiger werden und schließlich einschlafen.

  • Grundlegende Aspekte dieses Übens sind die richtige Sitzhaltung, um darin still und unbewegt bleiben zu können, den Atem frei fließen zu lassen und die Gratwanderung zwischen einer ganz klaren, wachen Aufmerksamkeit und einem immer tiefer werdendem inneren Loslassen.

Die Sitzhaltung ...

  • „Die Sitzhaltung soll fest und angenehm sein“ heißt es in den Yoga-Sutras des Patanjali. Zunächst einmal geht es darum, eine Sitzhaltung zu finden, in der man eine halbe Stunde lang, stabil, aufrecht, zentriert und gelöst sitzen kann.

  • Generell ist es wichtig, den Rücken und den Kopf im Lot auszurichten, damit die Wirbelsäule als zentrale Achse das Gewicht trägt, und die Rücken,- Schultern- und Nackenmuskeln sich nicht so leicht verspannen. Als Richtschnur gilt es, die Hüftgelenke, Schultern und Ohren in einer lotrechten Linie auszurichten.

  • Von allen möglichen Haltungen, die man sich vorstellen kann, eignen sich erfahrungsgemäß für die Meditation -langfristig gedacht - die folgenden Sitzhaltungen am besten:


    Lotus


    Halber Lotus


    Siddhasana


    Seiza


    An erster Stelle ist der volle Lotussitz. Er ist die stabilste, ausgewogenste und energetisch geschlossenste Haltung. Leider sind nur wenige Hüftgelenke beweglich genug, daß die Knie dabei nicht leiden. Der halbe Lotussitz hat eine ähnlich gute Qualität und ist für die meisten Menschen durch Yogaübungen zu erreichen. Ist der halbe Lotussitz auch nicht beschwerdefrei möglich, ist die nächste Wahl der „Leichte Sitz“ („Sukhasana“). Dabei sind die Fußknöchel unter den Knien. Eine weitere Möglichkeit ist der „Burmesische Sitz“ oder im Yoga als „Siddhasana“ benannt. Bei allen Haltungen achte auf eine stabile Basis. Machen die Sitze mit überkreuzten Beinen dauerhaft Schwierigkeiten, empfiehlt sich ein kniender  Sitz mit dem Becken auf einem Meditationsbänckchen oder Kissen. Ist das alles nicht möglich, sitzt man aufgerichtet, ohne Lehne auf dem Stuhl.

  • Die Hände liegen mit der Handfläche nach oben im Schoß. Dabei liegt die linke in der rechten und die Daumenspitzen berühren sich in einem leicht gespannten Bogen. Das erhöht die Wachheit.

  • Die Augen sind leicht geöffnet, der Blick trifft etwa einen Meter nach vorne auf den Boden, ohne einen Punkt zu fixieren.

  • Übe dich darin, deine Haltung, zu verbessern: Ein Schüler fragte einen berühmten Zen-Meister: „Jetzt übe ich schon lange Zazen und meine Haltung ist immer noch nicht vollkommen.“ Der Meister: „ Wenn deine Haltung in Ordnung wäre, wärst du vollkommen.“

Der Atem ...

  • „Euer Atem sollte leicht, gleichmäßig und fließend sein, wie ein dünner Wasserlauf im Sand. So still, daß die Person neben euch nichts hört. Der Atem sollte so anmutig dahin fließen wie ein Fluß, so, wie eine Wasserschlange durchs Wasser gleitet. Er sollte nicht einer Kette zerklüfteter Berge gleichen oder dem Galopp eines Pferdes. Unseren Atem unter Kontrolle zu halten, heißt Körper und Geist beherrschen. Jedes Mal, wenn wir merken, daß wir zerstreut sind, und es uns schwerfällt, uns mit Hilfe verschiedener Methoden wieder zu sammeln, sollten wir die Methode der Atembetrachtung anwenden. ...
    Nach zehn bis zwanzig Minuten kommen eure Gedanken zur Ruhe, sie sind still wie ein Teich, auf dem sich keine einzige Welle kräuselt.

  • Die Methode, den Atem ruhig und gleichmäßig werden zu lassen, heißt »Dem Atem folgen«. Wenn euch das anfangs zu schwer fällt, könnt ihr statt dessen die Methode »Die Atemzüge zählen« anwenden. Beim Einatmen zählt ihr im Geist eins und wenn ihr ausatmet, wieder eins. Einatmen, zwei, Ausatmen, zwei. Zählt bis zehn und beginnt dann wieder von vorne. Das Zählen gleicht einer Leine, die die Achtsamkeit an den Atem bindet. Diese Übung ist der Anfangspunkt in dem Prozeß, euch des Atems fortwährend bewußt zu sein. Ohne Achtsamkeit werdet ihr aber das Zählen schnell vergessen. Wenn ihr es vergessen habt, kehrt einfach wieder zu eins zurück. Versucht es immer wieder, bis ihr das Zählen korrekt einhalten könnt. Wenn ihr eure Achtsamkeit wirklich auf das Zählen ausrichten könnt, habt ihr den Punkt erreicht, wo ihr damit aufhören könnt. Jetzt fangt damit an, euch nur auf den Atem zu konzentrieren.
    Wenn ihr aufgeregt und zerstreut seid und es schwierig findet, Achtsamkeit zu üben, kehrt zum Atem zurück: sich des Atems bewußt zu werden ist schon Achtsamkeit.
    Der Atem ist das Wundermittel, mit dem wir unser Bewußtsein sammeln können.“

 (aus Thich Nhat Hanh: Das Wunder der Achtsamkeit)


  • Es ist gut, zu Beginn des Sitzens in der Stille ein paar lange, tiefe Atemzüge zu nehmen. Das beruhigt und klärt das Bewußtsein. Doch dann geht es darum, den Atem frei fließen zu lassen und mit diesem frei fließenden Atem eins zu werden – sich ihm ganz anheim zu geben. Jede bewußte willentliche Steuerung oder Beeinflussung  verhindert, daß der Atem dich tiefer in die Erfahrung deines Wesensgrundes hinein tragen kann.

  • Jeder Atemzug ist ein Hauch des Lebens und bringt Lebendigkeit und Lebensenergie („Prana“, „Chi“, „Ki“, „Licht“ etc.) in deinen Organismus.  Indem du deine gesammelte Aufmerksamkeit an den Atem anbindest, dich ganz von ihm bewegen läßt, und dich tiefer und tiefer in dieses Wunder hintragen läßt, desto mehr kommst du in Berührung mit der Quelle des Lebens. So ist der Atem der Leitfaden zur Quelle allen Lebens.


Aufmerksamkeit ist ...

Eines Tages sagte ein Mann aus dem Volk zu Zen-Meister IKKYU:

«Meister, wollt Ihr mir bitte einige Grundregeln der höchsten Weisheit aufschreiben?»
IKKYU griff sofort zum Pinsel und schrieb: «Aufmerksamkeit.» „Ist das alles?» fragte der Mann. «Wollt Ihr nicht noch etwas hinzufügen?»
IKKYU schrieb daraufhin zweimal hintereinander: «Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit. »
«Nun», meinte der Mann ziemlich gereizt, «ich sehe wirklich nicht viel Tiefes oder Geistreiches in dem, was Ihr gerade geschrieben habt.» Daraufhin schrieb IKKYU das gleiche Wort dreimal hintereinander: «Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit.»
Halb verärgert begehrte der Mann zu wissen: «Was bedeutet dieses Wort ,Aufmerksamkeit' überhaupt?»
Und IKKYU antwortete sanft: «Aufmerksamkeit bedeutet Aufmerksamkeit.»

„Aufmerksamkeit“ und die verwandten Begriffen wie „Konzentration“, „Achtsamkeit“, „Bewußtheit“, „Gewahrsein“ und „Sammlung“ beschreiben das „Herz des Übens“. Ohne Aufmerksamkeit verlieren wir uns in Gedanken und Gefühlen. Nur die hellwache, gesammelte Aufmerksamkeit verleiht dem Sitzen in der Stille die Kraft der Verwandlung. Ein paar Zitate veranschaulichen das:

Die amerikanische Zen-Meisterin Charlotte Joko Beck bezeichnet Aufmerksamkeit als „schneidendes, brennendes Schwert“ und erklärt weiter:

„Das Hauptziel unseres Übens besteht darin, die Gedanken im Feuer der Aufmerksamkeit zu verbrennen ...“ „Anstatt Aufmerksamkeit könnte man auch das Wort Gewahrsein setzen. Aufmerksamkeit oder Gewahrsein ist das Geheimnis des Lebens, das Herz des Übens.“

    Der vietnamesische Zen-Mönch Thich Nhat Hanh sieht darin die Quelle des Lebens:

    „Achtsamkeit ist das Wunder, mit dessen Hilfe wir Herr unserer selbst werden und uns erneuern können. ... Achtsamkeit erlöst uns von Vergeßlichkeit und Zerstreuung und ermöglicht uns, jede Minute des Lebens ganz zu leben. Achtsamkeit schenkt uns das Leben.“

      Der Benediktiner-Mönch David Steindl-Rast schreibt über das rechte Beten:

      „Das Gebet ist unbegrenzte Achtsamkeit. ... Und wenn wir uns fragen: ‘Was ist es denn, was Gebete zum Gebet macht?’, so ist die Antwort: innere Sammlung, Achtsamkeit. Wenn wir bei der Sache sind, dann beten wir wirklich.“

        Wie diese Beispiele zeigen ist das „Licht“ der Aufmerksamkeit und der Bewußtheit der maßgebliche Faktor, um sich zu entwickeln und zu wachsen. Beim Sitzen in der Stille geht es darum, sich nicht von den aufkommenden Gedanken und Gefühlen vereinnahmen zu lassen, sondern sie einfach hellwach und aufmerksam zu beobachten, sich innerlich davon lösen, bis sich der Raum dahinter öffnet.

        Loslassen ...

        Innerlich loslassen bedeutet, jegliches inneres Kämpfen aufzugeben und alles so sein zu lassen, wie es ist – alles was in der Meditation auftaucht an Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen zutiefst innerlich sein lassen, um die Realität hinter alledem zu erfahren.

        Für den bedeutenden Meditationslehrer Andrew Cohen ist „Letting everything be as it is“ der direkteste Weg in die Meditationserfahrung.

        Genauer betrachtet entsteht innere Unruhe und Anspannung dadurch, dass wir geradezu zwanghaft und unaufhörlich mit dem beschäftigt sind, was wir wollen und mit dem was wir nicht wollen. Unsere Gedanken und Gefühle drehen sich ständig um das, was wir uns wünschen, ersehnen, erträumen und mit dem, was wir befürchten, was uns ängstigt und Sorgen bereitet. Wir setzen uns unter enorme Spannung, indem wir für uns etwas erreichen, erringen, verbessern und erkämpfen wollen und genauso auch mit dem, was wir verabscheuen, ablehnen und deshalb vermeiden wollen und bekämpfen.

        All das hat im Alltagsleben bis zu einem gewissen Grad Sinn und Berechtigung.

        Will ich jedoch tiefe innere Ruhe, Entspannung und Gelöstheit erfahren und die eigene Existenz jenseits aller Gedanken und Gefühle erforschen, gilt es dies alles zu lassen. Alles so sein lassen, wie es jetzt gerade ist.

        Es bedeutet, während der Meditation darauf zu verzichten, irgendetwas willentlich zu verändern, zu erstreben, zu verbessern, zu vermeiden, abzulehnen ... sondern einfach alles zutiefst innerlich so sein zu lassen, wie es jetzt gerade ist. Natürlich verändert sich etwas während der Meditation und der innere Zustand verändert sich umso mehr, je mehr es mir gelingt innerlich loszulassen. Dann geht es darum, jede Veränderung ganz gleichmütig wahrzunehmen und von Augenblick zu Augenblick immer wieder neu alles so sein zu lassen, wie es ist – ohne mehr davon zu wollen, ohne festzuhalten, ohne etwas zu verhindern, ohne zu bewerten ... sich einfach dem Fluss der Meditation hingeben.

        Wenn wir in Meditation versuchen alles sein zu lassen wie es ist, stoßen wir auf Widerstände. Unser Ego sträubt sich mit ganzer Kraft dagegen, denn es will seine Wichtigkeit und die Illusion der Getrenntheit erhalten.

        Gelingt es uns jedoch auch nur für einen Moment einfach alles so sein zu lassen, wie es gerade ist, öffnet sich der freie, weite, glücksselige Raum, jenseits von allem egoistischen und egozentrischem Streben.

        Je mehr es uns (in der Meditation) gelingt, unser egoistisches Sehnen und Streben loszulassen, je näher kommen wir unserer wahren, unbegrenzten Natur und der Verbundenheit allen Seins.